Seite 209 Das Märchen von den lebendigen Noten

 

Das Märchen von den verbotenen Noten

Mein Name lautet Baihu, was so viel  wie weißer Tiger des Westens bedeutet.

Ich möchte euch meine Geschichte erzählen, die damals vor ungefähr siebzig Jahren, in meiner Heimat in China passierte.

Wenn ich den Erzählungen meiner Großeltern und meinen Erinnerungen trauen kann, waren wir ein mongolisches Nomadenvolk, das von Ort zu Ort zog. Mein Großvater erzählte gerne Geschichten aus der Zeit Dschingis Khans, seiner Vorfahren, und sagte stets, es gäbe Grund, stolz zu sein, aus dieser Dynastie zu stammen.

Wir waren ein tapferes und fleißiges Völkchen. Meine direkten Vorfahren wurden in einem kleinen Dorf an den Ufern des Kansas-Sees, im Schatten der gewaltigen Altai-Berge, sesshaft. Es waren viele Generationen, die seither in diesem Dorf gelebt hatten, und auch ich wuchs dort auf.  Wir lebten von der Viehzucht und gingen noch zur Jagd. Wir Tuwas, so nennt man uns, waren hervorragende Reiter. Mein Vater züchtete starke und robuste Pferde, die er später im ganzen Land verkaufte. Die Sommermonate vergingen immer wie im Flug. Vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang wurde hart geschuftet. Die Männer gingen zur Jagd, und die Frauen und wir Kinder arbeiteten in den Feldern und versorgten das Vieh. Abends gingen wir oftmals völlig erschöpft früh schlafen. Wir lebten in aus Holz gebauten Hütten, aus denen im Winter der Rauch der Herdfeuer aufstieg. Unser haus spiegelte sich in der Abendsonne gespenstig im See, begleitet von den leisen Liedern, die aus jedem Haus am Ufer zu hören waren. Vergessen werde ich auch nie den Geruch von duftender, warmer Honigmilch am Abend. In den eisigen Wintermonaten gab es für uns nicht so viel zu tun. Wenn das Vieh versorgt war, saßen wir zusammen vor dem Herdfeuer. Einige der Frauen stickten, und die Alten unterhielten uns mit Geschichten aus vergangener Zeit. Am Abend, sobald wir Kinder unsere Honigmilch bekamen und die Erwachsenen die ersten Becher Honigwein getrunken hatten, wurde es richtig lustig. Spätestens dann stimmte mein Großvater sein selbstgebautes, bauchiges Instrument an. Er nannte es liebevoll Sueri und verzauberte uns mit wunderschönen Klängen. Es dauerte nicht lange, bis die Ersten zu seinem Spiel sangen und tanzten. Wir Tuwas waren gute Sänger und Tänzer. Jede Familie im Dorf hatte seine eigenen geheimen Lieder, in denen wir unsere persönlichen Nöte und Gedanken über die Welt und unseren Herrscher zum Ausdruck brachten. Jeden Abend durfte einer aus der Familie seine gedanken vorsingen, und die anderen stimmten summend mit ein.

Mein ältester Bruder Luan, dessen Name ,,Der Löwe" bedeutet, war vor dem Winter in die Stadt gezogen, um Geld in einer Seidenspinnerei zu verdienen. Im Frühjahr kam er das erste Mal zu Besuch. Er hatte für jeden für uns ein kleines geschenk dabei, aber auch schlechte Nachrichten. In unserem kleinen Dorf bekamen wir von der Außenwelt selten etwas mit. Er erzählte von einem neuen Herrscher, der noch strenge sei als der alte und dass er Tanz und Musik hasse und diese im ganzen Land verbieten würde. Seiner Meinung nach lenke Musik nur von tugendhaften Gedanken und Arbeit ab. Weiter berichtete Luan, dass der neue Diktator Reiter bis in die entferntesten Bergdörfer aussende, um alle Instrumente und Noten zu vernichten. Gesang und Tanz sei ab sofort im ganzen Land verboten und würde bei Missachtung hart bestraft. Ich verstand damals noch nicht viel von den Worten, dennoch spürte ich, dass von nun an alles anders sein würde.

An diesem Abend tanzten und sangen wir das letzte Mal und obwohl mehr Wein als üblich getrunken wurde kam keine Freude mehr auf. Am nächsten Morgen kam Großvater zu mir und sagte: ,,Baihu, wir haben sicher noch ein paar Tage Zeit, und ich möchte dir die wichtigsten Griffe auf meiner Sueri zeigen. Du bist begabt, das sehe ich. Präge dir die Griffe gut ein und wiederhole sie jeden Abend in Gedanken! Ich habe oftmals am Abend unsere Lieder in einem kleinen Büchlein niedergeschrieben, wenn ich nicht in den Schlaf fand. In den zukünftigen Tagen werde ich eine einfache Sueri bauen und meine alte, wertvollere mit den Noten und Liedern verstecken. So hoffe ich, die Reiter auszutricksen. Wenn sie ein Instrument finden und ein paar Noten, geben sie sich wohl zufrieden. Höre gut zu, Baihu, nur dir werde ich das Vesteck zeigen, wenn die Zeit reif ist. Sprich mit niemanden darüber. Eines Tages wirst du dich erinnern und unsere alten Lieder wiederaufleben lassen. Nun müssen wir erstmal schweigen. "

So kam es, dass ich mit zehn Jahren die wichtigsten Griffe auf der Sueri lernte, und es machte mir viel Spaß und mich mächtig stolz, der Auserkorene zu sein. Das liebevolle Verhältnis zu meinem Großvater wurde noch inniger.

In unserem Dorf war es ruhig geworden, und es schien jeglichen, vergangenen Zauber verrloren zu haben. Es wirkte, als hätte sich ein dunkler, nebeliger Dunst über das ganze Tal gelegt. An einem besonders trüben Tag beobachtete ich meinen Großvater und sah, wie er sein geliebtes Instrument erst einfettete und dann in ein Tuch wickelte. Ich sah Tränen auf seinem alten, runzeligen Gesicht. Er verstaute die Sueri und ein Heft in einer Holztruhe und ging bei Einbruch der Dunkelheit nach draußen. Ich folgte ihm nicht, da er versprochen hatte, mir das Versteck eines Tages zu zeigen. Ich wusste nur, dass somit mein mir lieb gewordener Unterricht erst mal vorbei war. Nun wurde auch ich traurig, hatten mich die heimlichen Stunden mit meinem Großvater doch etwas abgelenkt.

Inzwischen war es wieder sommerlich warm, und wir gingen unseren täglichen Aufgaben nach, und keiner dachte an den nächsten Winter. Luan hatte sich seit Monaten nicht sehen lassen, und wir wussten nicht, ob der neue Herrscher seine Reiter noch schicken würde.

Zwei Jahre waren inzwischen vergangen, und nichts war geschehen, als mich in der Nacht ungewohnte laute Gräusche weckten. Laute Rufe waren zu hören, und ich meinte Pferde wiehern zu hören. Dann polterte es laut gegen unsere alte Holztüre, vor lauter Angst, mit laut pochendem Hezen, versteckte ich mich unter meiner Bettdecke und hoffte, nur schlecht geträumt zu haben. Es dauerte nicht lange, und Vater betrat den Schlafraum und sagte: ,,Baihu, steh auf, die Reiter sind gekommen und wollen alle aus der Familie sehen. Hab keine Angst, aber wenn du gefragt wirst, ob in diesem Haus musiziert wird, sag einfach, dass du seit Jahren keine Musik mehr gehört hast. Und nun komm, alle anderen stehen schon draußen. " Mein Vater hielt meine Hand, als wir vor die Tür traten. Eine Geste, die ich von ihm nicht kannte, die mir aber Sicherheit gab. Stolz und aufrecht sah ich meinen Großvater vor den Reitern stehen, während meine Mutter und meine beiden Schwestern verängstigt an das Haus gedrängt standen. Es waren fünf uniformierte Reiter mit finsterem Blick. Der Ältetse von ihnen stieg ab und befragte jeden einzelnen von uns. Es war ein kleines Verhör, und wir antworteten mit zittrigen Stimmen. Inzwischen waren auch die anderen Soldaten abgestiegen und durchwühlten unseren ganzen bescheidenen Hausstand. Mit triumphalen Grinsen brachten sie ihre Beute, die Sueri, ein Notenheft und ein paar Silbestücke nach draußen. Die Silberstücke steckte der Älteste in seine Manteltasche und befahl Vater, ein Feuer zu machen. Ich verstand gar nicht, das solch wichtig wirkende Männer in ihren teuren Uniformen an unserem wenigen Hab und Gut Interesse hatten. Meinem Vater brach es das Herz, ansehen zu müssen, dass sie Großvaters geliebtes Instrument und die Noten in das Feuer warfen. Er ahnte nicht, dass Grossvater vorgesorgt hatte. Während wir stumm, mit gesenktem Kopf um das Feuer standen, hatten die Soldaten es sich in unserer Wohnküche gemütlich gemacht. Mutter kochte ihnen Tee und reichte das letzte vorrätige Gebäck. Der Älteste wollte nun meinen Vater sprechen, er hatte gehört, dass Vater gute Pferde züchtete. Es blieb meinem Vater keine Wahl, er musste ihm die besten Pferde zeigen. Der Soldat hatte anscheinend Ahnung von Pferden und suchte sich zwei der Deckhengste aus, ließ sie von Vater anleinen und nahm sie einfach mit. ,,Für den neuen Herrscher des Landes", sagte er. Dann ritten sie fort, und wir sahen sie nie wieder.

Viele Jahre verstrichen ohne Musik und Gesang.

Es geht spannend weiter im Buch mit einem Happy End

Gabriela-Alexandra Scharff

Aufstand im Korallenriff

Aufstand im Korallenriff

Kapitel 1

Herr Tintenfisch denkt nach  Ach, wie groß war unsere Freude. Immer mal wieder sanken verschiedene runde Gefäße und durchsichtige Schleier mit allerlei lustigen Dingen auf unseren Meeresgrund. Sie landeten in den schönen, bunt-strahlenden Korallenriffen. Zu Anfang dachten wir, es seien Geschenke der Menschen und spielten damit. Wenn wir kleinen Fische in diese bunten Sachen hineinschwammen, hatten wir einen riesigen Spaß, da diese in der Meeresströmung weiterrollten. Wir versuchten all die bunten Spielsachen zu erhaschen und probierten auch daran zu knabbern. Doch das war keine gute Idee, wir bekamen ziemlich heftige Bauchschmerzen. In den Meeren und Ozeanen leben unglaublich viele verschiedene Tiere. Da gibt es Kraken mit langen Armen, Quallen mit zarten Schleiern. Fische, große und klitzekleine und viele in den schillerndsten Regenbogen- Farben. Auch Schnecken, Meeresschlangen und Wasserschildkröten leben dort. All diese wunderbaren Lebewesen ahnten nicht, womit sie da spielten.

Nur dem klugen Tintenfisch kamen die Geschenke der Menschen merkwürdig vor. Herr Tintenfisch ruhte auf einer verrosteten, alten Schiffsschraube. Diese war vor vielen Jahren auf seinen wunderschönen Anemonen-Garten geplumpst und hatte ihn verwüstet. Das war ein trauriger Moment, doch zum Glück war ihm nichts geschehen. Herr Tintenfisch hatte sich hier sein Schreibbüro eingerichtet und machte jeden Tag Notizen in sein Tagebuch. Alles, was er selbst erlebte, oder auch das, was ihm erzählt wurde, schrieb er nieder. So konnte er sich gut merken, was sich über die Jahre verändert hatte. Den Kopf, grübelnd über die neuen Dinge, in eine seiner Arme, die ,,Tentakel“ gestützt, wurden seine Gedanken immer trüber.

Denn es kamen mit der Zeit mehr und mehr Geschenke und die Meeresbewohner verloren die Freude daran. Die vielen seltsamen Sachen verfingen sich in ihren Häusern, den zarten Korallenriffen und an manchen Dingen schnitten sie sich, und es entstanden unschöne Wunden. Plötzlich hatte Herr Tintenfisch eine Idee. Mit einem seiner Tentakel schrieb er auf eine weiß schimmernde Muschelschale eine Botschaft an die Menschen. Er schrieb: ,,Liebe Menschen, groß ist unsere Not. Ihr überschüttet uns mit Geschenken. Aber wir Meerestiere verletzen uns daran und haben kaum noch Platz für uns selbst. Hört auf, hört auf, all diese Dinge zu uns herab zu senken. Um dies bitten Euch alle Bewohner der Meere und Ozeane.“ Dann bat er Frau Wasserschildkröte die Muschelschale vorsichtig an Land zu bringen, damit die Menschen die Botschaft lesen können. Sie stimmte zu und nahm die Muschel in ihr Maul und machte sich auf den Weg. Sie schwamm elegant durch das Wasser, bis sie auf einer großen Welle an Land gespült wurde. ,,Puh, ist das heiß hier am Strand“, dachte sie und zog ihren Kopf etwas ein, unter ihren dicken, schützenden Panzer. Mühsam kletterte sie auf einen Felsen und legte die Nachricht ab. Das Muschelstück glitzerte in der hellen Sonne und sie dachte, es sei ein guter Platz. Hier werden die Menschen die Nachricht sicher finden. Zufrieden kehrte sie zurück in die kühlen Wellen und tauchte tiefer und tiefer bis auf den Meeresgrund. Sie freute sich ihrem alten Freund von ihrer erfolgreichen, gelungenen Tat zu erzählen. Die Menschen sahen wohl die Muschel, doch machten sie sich keine Mühe, die Botschaft zu verstehen. Zu sehr waren sie mit sich selbst und ihrem Vergnügen beschäftigt. So vergingen weitere Jahre und nichts geschah. Im Gegenteil, es wurde immer schlimmer.