Dorfgeschichte, die Fortsetzung (Teil 2)

Dorfgeschichte Teil 2

Wie es weitergeht: Tant Clair hat Kenntnis von allen Geschehnissen, die in dem kleinen Ort vor sich gehen. Sie schmiedet selbst nach ihrem Tod noch Pläne, um den Nachfahren den Familienbesitz zu erhalten. Und Johanna erzählt ihrer Nichte noch so manche Anekdote über ihr Leben mit der herrischen Schwester. Selbst heute noch, Generationen später, bleibt eine Geschichte unvergessen. Sie wird auf allen Familienfesten immer wieder hervorgekramt. Und zwar, wie Tant Clair ihrem Bruder Gustav zu einem blauen Auge verholfen hatte.

Und wieder war es in einer Neumondnacht. Das stattliche und geräumige Anwesen lag in der tröstlichen Dunkelheit der Nacht. Einige Minuten vor Mitternacht machte Johanna sich in Nachthemd, Wollsocken, Filzpantoffeln und natürlich dem warmen Bademantel auf den Weg ins Erdgeschoss. Der Verdacht eines Nachtgespenstes drängte sich Gerta, der Nichte auf. Denn diese wollte dem Phänomen der Neumondnacht nachgehen und das Ganze als absoluten Humbug darstellen. Meinte sie, dachte sie, na ja, zumindest zu diesem Zeitpunkt.

Die Uhr schlug leise und zeigte die mitternächtliche Stunde an. Johanna saß wartend in dem bequemen Lehnstuhl und harrte mit Spannung auf die Dinge, die nun kommen würden. Gerta musste ein Kichern unterdrücken. Mit fest auf den Mund gelegter Hand schaute sie auf das seltsame Bild, das sich ihren Augen bot. Johanna in voller Nachtmontur, und dann die Lockenwickler mit dem Häubchen darüber. Die Krönung des Ganzen, fest an die Brust gepresst, Tant Clairs Brokattäschchen – der Knaller, eigentlich zum Fürchten?

Und es war wirklich schwer, da nicht laut zu lachen. Für Greta wurde es jedoch innerhalb kürzester Zeit langweilig. Greta hörte nur leise Töne, ein Summen, ein Wispern, ein Raunen. Johanna dagegen schien eine Unterhaltung zu führen. Mal ein zustimmendes Nicken des Kopfes, mal ein zögerliches, nachdenkliches kurzes Kopfschütteln. Der ganze Spuk dauerte eine geschlagene Stunde. Dann stieg Johanna die Treppe hinauf und legte sich ins Bett, als ob nichts Besonderes gewesen wäre.

Gerta traute sich nicht, Johanna direkt auf die Neumondnacht anzusprechen. Vorsichtige Fragen und Versuche, ihr etwas zu entlocken, wurden von Johanna einfach ignoriert. An einem stillen Abend kamen die unterschiedlichen Frauen ins Gespräch. Beide hatten die alte Tradition des Herzmittels fortgesetzt. Und nach 3 Gläschen des edlen Tropfens lockerte sich die Stimmung und Johanna geriet ins Erzählen. Sie schaute ihre Nichte schon fast schelmisch an und fragte diese, ob sie sich noch gut an den Onkel Gustav erinnern könne.

Vor Gretas innerem Auge erschien die elegante Gestalt Gustavs. Als Kind hatte sie heimlich für diesen Grandseigneur geschwärmt. Für sie hatte es keinen schöneren und anbetungswürdigeren Mann gegeben. Er war der Held ihrer Kindheit gewesen. Wie sollte sie sich an diesen, für sie so besonderen, Menschen nicht erinnern?

Johanna war Gertas Mimik natürlich nicht verborgen geblieben. Auch sie erinnerte sich an die Zeit, als Gerta jeden Schritt und Tritt von Gustav schmachtend beobachtet hatte. Doch taktvoll, wie sie sein konnte, sagte sie nichts und begann mit ihrer Erinnerung.

«Nebenan der Hof,also der linke,  etwas kleiner als unserer, doch dafür mit einer Nachbarin vom Allerfeinsten. Klein und zierlich, mit keck in die Welt blickenden grünblauen Augen und pechschwarzen Haaren, die sie immer in einem geflochtenen Zopf um den Kopf gewickelt trug. An jedem zweiten Samstag im Monat wusch sie ihre Haarpracht und ließ diese wunderschön anzusehende prächtige Mähne im Sommer an der Luft trocknen. Kein Wunder, dass sich Gustav in diese Frau verliebte. Zu seinem Leidwesen war sie allerdings mit dem bulligen Nachbarn verheiratet. Dieser war zwar ein unangenehmer Zeitgenosse, doch er war halt der Nachbar. So wie es aussah, empfand die Nachbarin für Gustav auch mehr, als schicklich war. Die Blicke der beiden wurden immer feuriger, doch sie wussten auch, dass nicht sein konnte, was nicht sein sollte.

Auf der einen Seite standen wir, die Schwestern, die den Kontakt nie dulden würden und auf der anderen Seite der Mann der Nachbarin und auch die sechs noch unmündigen Kinder. Beide, sowohl Gustav als auch die Nachbarin, waren echt versucht, der Anziehungskraft nachzugeben und eine Liaison anzufangen. Und hier kommt sie, die Tant Clair wieder ins Spiel. Sie hatte Gustav schon mehrfach aufgefordert, ins Haus zu kommen, sobald die Nachbarin sich im Garten blicken ließ. Als ihr das Hinterherspionieren und ständige Aufpassen auf den Bruder einfach zu mühsam wurde, sann sie im stillen Kämmerlein nach einer Lösung, diese Sache ein für alle Mal zu beenden.

Doch alle mussten ihr Gesicht wahren, man war ja schließlich gut Freund mit den Nachbarn. Ein Skandal musste unter allen Umständen verhindert werden. Der Nachbar, also der Ehemann der Schönen, war ahnungslos, jedenfalls so lange, bis Tant Clair mit Brokattäschchen bei ihm erschien. Umständlich wie immer, denn alle Augen sollten sich schließlich auf ihr Täschchen richten, öffnete sie es und bevor sie etwas rausholte, wurde es noch einmal mit einem lauten klick klack geschlossen. Erst dann holte sie das Herzmittel heraus und gemeinsam mit dem Nachbarn taten sie etwas für die Gesundheit. Sie verließ den Nachbarhof mit einem leicht unsicheren Gang.

Zunächst verlief scheinbar alles wie sonst. Gustav hatte auffällig oft im Garten zu tun, die Hecke musste unbedingt geschnitten werden, während die Nachbarin Wäsche aufhing. Der Misthaufen musste unbedingt inspiziert werden, wenn die Nachbarin Bohnen pflückte. An einem Abend, Gustav stand an die alte Weide gelehnt und schaute sehnsüchtig in den Nachbargarten, geschah das, was geschehen sollte. Der Nachbar kam aus dem Scheunentor, ging zielstrebig auf Gustav zu und regelte die Angelegenheit so, wie es zu dieser Zeit üblich war. Es fiel kein einziges Wort, doch als Gustav schleunigst durch seine Scheune ins Wohnhaus lief, war die Angelegenheit sozusagen geregelt. Gustav und der Nachbar waren seit dieser Zeit ziemlich beste Feinde, doch nach außen hin, ließ sich keiner der beiden etwas anmerken.

Ich und Tant Clair schauten Gustav zwar ein wenig bedauernd an, erwähnten sein blaues Auge und den wackelnden Schneidezahn nur ganz kurz. Das sahen wir nur als kleines Problem an, mit dem ein größeres aus der Welt geschaffen worden war. Ich sprach mit Gustav auch nur ein einziges Mal darüber, ob Tant Clair was damit zu tun haben könne, doch dabei blieb es.»

Gerta war ganz begeistert von dieser Geschichte und wollte mehr hören, doch Johanna war nicht zu bewegen, mehr zu erzählen. Stattdessen fragte sie ihre Nichte, ob sie ihre täglichen Arbeiten denn zu aller Zufriedenheit erledigt habe. Das war etwas völlig Neues, die sonst so ruhige und zurückhaltende Johanna fragte nach den Dingen, die sie selbst immer stillschweigend erledigt hatte? Ob das mit dem mitternächtlichen Gespräch mit Tant Clair zusammenhing?

Ein großes Fest stand an. Der Neffe von Johanna feierte Hochzeit. Eine Frau von auswärts hatte er sich auf den Hof im Nachbarort geholt. Sehr klein, sehr zierlich, sehr jung und auch noch sehr verwöhnt. Vorsichtige Erkundigungen, so ganz a la Tant Clair, hatten ergeben, dass das Mädchen mit fünf Brüdern aufgewachsen war. Also so quasi ein Prinzesschen.

Johannas verheiratete Schwester, die Mutter des Neffen, hatte auch schon ihre Bedenken geäußert. Sie hatte sich eine andere Schwiegertochter gewünscht. Eine starke, kräftige, die ordentlich zupacken konnte. Doch alle Versuche, die beiden auseinanderzubringen, hatten nichts gefruchtet. Johanna dachte schwermütig an die Zeit, als Tant Clair noch da war. Sie hätte dieses junge dumme Ding ausgiebig und vehement auf Herz und Nieren geprüft. Und wenn die nicht in die Familie gepasst hätte, so wäre sie mit Sicherheit von Tant Clair vergrault worden. Nun musste das Schicksal seinen Lauf nehmen.

Irgendwie hatte die nächste Neumondnacht etwas mit dem Ablauf der Ereignisse zu tun. Zumindest war ein Zusammenhang erkennbar. Wie schon so oft, saß Johanna pünktlich um Mitternacht in ihrem Sessel vor der großen Standuhr. Es schien so, als ob die Uhr diesmal lauter knarzte, ächzte und stöhnte. Und statt des wehleidigen Gesanges vermeinte man, ein mühsam unterdrücktes wütendes Heulen zu hören. Gerta vermochte Johanna kein einziges Wort darüber zu entlocken.

Entgegen ihrem natürlichen, liebevollen und ruhigen Naturell, erschien Johanna vollkommen selbstbewusst zur kirchlichen Trauung in der Heilig Kreuz Kirche. Wie selbstverständlich nahm sie in der ersten Bankreihe Platz. Schon etwas befremdlich, denn diese ersten Bankreihen direkt hinter den Kinderbänken waren bei Trauungen und Beerdigungen nur den engsten Angehörigen vorbehalten.

Nach der Predigt des Pastors hoch oben auf seiner Kanzel, langweilte Johanne sich sichtlich. Klack, klack, klick, klack, das Brokattäschchen von Tante Clair war wieder zum Mittelpunkt des Geschehens geworden. Es schien fast so, als sei sie in der Kirche anwesend. So kam es auch, dass die Kollekte, diesmal für die Renovierung der Kirche, wesentlich üppiger ausfiel als sonst.

Nachdem der Pastor der Gemeinde den Schlusssegen erteilt hatte, stellte sich die ganze Familie zum Hochzeitsfoto auf den Stufen der Kirche auf. Mit ganzer Familie waren natürlich beide Familien gemeint, auch wenn diese niemals zu einer Familie zusammenschmelzen würden. Weit gefehlt, solche Leute, die nicht ortsansässig waren, also Zugezogene, konnte man nicht in die ehrwürdige Familie aufnehmen, höchstens dulden.

So stand der Neffe mit seiner frischgebackenen Ehefrau ganz unten, zusammen mit den Blumenkindern, auf der Treppe. Links dahinter standen seine sehr streng blickenden Eltern. Die Mutter im hochgeschlossenen schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen, daneben der Vater im dunklen Anzug, weißem Hemd und dunkler Krawatte. Rechts dahinter die Eltern der jungen Frau. Viel moderner, die Mutter mit einer frischen Dauerwelle und einem farbenfrohen Kleid. Der Vater natürlich auch im dunklen Anzug mit Krawatte. Hinter den Elternpaaren verteilte sich dann der Rest der Verwandtschaft. Geschwister, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen des Brautpaares. Alles folgte einer strengen Hierarchie. Johanna hatte sich ziemlich mittig in Gesellschaft der Onkel und Tanten platziert. Sie kam neben eine kleine quirlige Frau zu stehen. Wie sich später herausstelle, war es die Patentante der Braut. Bei der anschließenden Feier in der Wirtschaft (heute Gaststätte) des Dorfes saß Johanna neben dieser Frau, die sich mit dem Namen Caroline vorstellte.

Nachdem die allgemeinen Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren, kam man auch auf den Wohnort zu sprechen. Dabei stellte sich heraus, dass die Frau sozusagen aus dem Ausland kam, sprich aus einem 15 km entfernten Ort. Sie erzählte, dass der Mann ihrer Schwester, also der Vater der Braut, vor sieben Jahren als Umsiedler in Johannas Nachbarort, in dem die Schwester wohnte, gekommen sei. Auf die Frage, was mit Umsiedler gemeint sei, antwortete Caroline, dass der Schwager Haus und Hof aufgeben musste, weil tief unter der Erde die wertvolle Braunkohle lag. Und Rheinbraun die Bergbaurechte an dem Ort  von der Landesregierung Düsseldorf gekauft hatte.

Doch wie dem auch sei, in dem kleinen Örtchen hätte die ganze Familie ein schönes neues Zuhause gefunden und das Mädchen sei ja jetzt auch unter der Haube. Johannes Gedanken wanderten während dieses Gespräches zur letzten Neumondnacht. Braunkohle, Rheinbraun, Umsiedlung, was hatte Tant Clair ihr da zugeraunt?

Wie dem auch sei, Johanna veränderte sich von Neumondnacht zu Neumondnacht. Wie es weitergeht und welche Episoden aus Tant Clairs Leben noch von Johanna an Gerta weitererzählt werden... demnächst in Teil 3